Wie es dazu kam

Seit mehr als eineinhalb Jahren bilden sich unsere Kinder nun zu Hause und nicht mehr in einer öffentlichen Schule. Es war und ist eine spannende Zeit.

Wir wollten zuerst für uns selber herausfinden wie sich dieses Homeschooling für uns anfühlt, ob wir es weiter machen, ob die Kinder überhaupt Lust dazu haben. Schon von Anfang an wurden wir immer wieder mit vielen Fragen überhäuft und auch mit dem Wunsch, dass wir doch etwas über unsere «Schule» schreiben und veröffentlichen sollen.

 

Nun ist die Zeit reif und ich beginne in einer losen Folge von unserem Alltag zu schreiben.

 

Zuallererst etwas zum Begriff Schule: Schule kommt vom altgriechischen "Scholé" und bedeutet Ort der Muße, der Stille.

Das war mir, bevor wir mit Privatunterricht begonnen haben, nicht bewusst. Irgendwann bin ich in einem der vielen Bücher, welche ich gelesen habe zum Thema Lernen, über diese Definition gestolpert.

Schliesse mal deine Augen und stelle dir einen Ort der Musse und Stille vor? Wie sieht der aus? Und genau an diesem Ort kann «Lernen» optimal geschehen, einfach von selbst, im Flow, ohne Störung.

 

So ein Ort der Musse kann überall sein, auch in einer öffentlichen Schule. Aber das ist es wohl nicht immer.

Auch bei uns ist es nicht immer «mussig und still»😉, aber unser Ziel ist es, den Kindern immer wieder diese Möglichkeit zu bieten und damit auch, dass sie in ihr Lernen eintauchen können. Dazu aber bei einem anderen Mal mehr.

 

Die Entscheidung für das Lernen zu Hause

Heute möchte ich schreiben wie es dazu kam, dass wir uns dafür entschieden haben, die Verantwortung für die Bildung unserer Kinder selbst zu übernehmen.

 

Das Thema Lernen, Entwicklung der Kinder, Sozialisierung und vieles mehr haben mich seit meiner Ausbildung zur Primarlehrerin und zur Kinesiologin immer beschäftigt und interessiert.

 

Bereits als Sophia in den Kindergarten kam, hatte ich den Impuls, sie nicht hinzuschicken. Damals war ich weder genügend reif für diesen Schritt noch waren wir als Familie so weit, dies zu tun. So nahm alles seinen gewohnten Lauf. Sophia ging in den Kindergarten und in die 1. und 2. Klasse. Noah folgte dann nach in den Kindergarten. So weit dies von aussen sichtbar war lief das recht ordentlich ab und die Kinder machten, was zu tun ist und waren gut integriert in ihren Klassen. Sophia ging gerne in die Schule und sie hatte wirklich eine gute Lehrerin. Noah ging hin weil das so gemacht wird. Er hat es nicht besonders gemocht, aber auch nicht hinterfragt oder abgelehnt.

Nach einer schwierigen privaten Zeit und einer Neuordnung unseres Lebens auf dem Hof nahmen wir uns als Familie eine Auszeit und flogen im November 2016 nach Australien. Drei Monate waren wir in einem Wohnmobil unterwegs an der Ostküste, genossen die Zeit zusammen, erlebten viele Abenteuer und mussten uns immer wieder neu zusammenfinden. Lebten wir doch zu Sechst auf wenigen Quadratmetern. Und es funktionierte. Sogar sehr gut. Wir konnten die Kinder im Moment eng begleiten, Gespräche führen, Fragen beantworten gerade dann, wenn sie auftauchten. Die Arbeiten, welche wir aus der Schule mitgenommen haben, wurde in wenigen Stunden erledigt. Am Schluss merkten wir, dass sie sich in diesen drei Monaten auch ohne «Unterricht» weiter entwickelt haben. Jedes in seinem Tempo, in seinem Bereich. Nevio, der damals 4-jährige, war der Erste, welcher englische Wörter aufschnappte und nachsprach. Naoh interessierte sich vor allem für die giftigsten und gefährlichsten Tiere und Sophia beobachtete die Menschen. Für sie war es spannend zu sehen wie sie leben, wie sie ihren Alltag gestalten, warum sie sich so oder anders verhalten.

 

Als wir im Februar 2017 wieder nach Hause gekommen sind, hat es uns den Kopf verlesen. Die Reise, das Unterwegs sein, die Beobachtungen, welche wir bei unseren Kindern gemacht haben, animierten uns Eltern zu vielen Diskussionen. Zudem haben wir in dieser Zeit, nach vielen anderen Büchern, noch «Das Wahren der Einzigartigkeit» von Doris und Bruno Gantenbein, gelesen.

Unsere Diskussionen verliefen wellenförmig: Mal war für mich klar, dass es möglich ist, diesen Weg zu gehen und Simon war kritisch und stellte entsprechende Fragen. Und dann war es wieder genau umgekehrt.

Zu Hause angekommen war klar, dass alles so weiter geht wie bis anhin. Wir hatten ja nur Urlaub bekommen von der Schule und so besuchte Noah wieder den Kindergarten und Sophia die 2. Klasse. Sie haben sich wieder auf ihre Gspändli gefreut und besonders Sophia auch auf ihre Lehrpersonen.

 

Wie weiter?

Doch schon bald kam Sophia mit der Frage nach Hause: «Warum kann ich eigentlich nicht immer zu Hause lernen? In Australien ging das auch und ich hatte so viel Zeit für andere Sachen?»

 

Dies führte dazu, dass wir uns mit all den Fragen weiter beschäftigten, welche uns zu einer Entscheidung führen würden.

  • Ja, möchtest du das denn, nicht mehr in die Schule? Würdest du deine Gspändli nicht vermissen?
  • Wie können wir sicherstellen, dass unsere Kinder genügend «sozialisiert» werden? (Über diese Frage muss ich heute echt lachen😊)
  • Wie läuft das denn mit dem Lernen? Die Vorstellung, dass es nicht nur die Husi sind, welche ich mit den Kindern löse (und damit hatten wir bis dahin wirklich nicht sonderlich viel zu tun), sondern den gesamten Lernstoff, machte doch etwas unsicher. (Auch über diesen Gedanken muss ich heute schmunzeln.)
  • Gibt es überhaupt einen Grund, warum wir das machen sollten? Wir haben weder schulische noch soziale Probleme in der Schule, noch sind wir irgendwie Schulgegner.
  • Was denken die anderen von uns?
  • usw (glaubt mir, die Liste der Fragen war lang.)

Nach allem, was ich im PrimarlehererInnenseminar in Luzern gelernt habe, ist es klar, dass dies nicht gut ist für ein Kind. Es wird so nicht sozialisiert, dass es nicht selbständig wird und ja, das habe ich auch schon als Kritikpunkt gehört, dass diese Kinder ständig unter Kontrolle sind. Kinder bräuchten den direkten Vergleich mit Gleichaltrigen, dieser Vergleich würde sie anspornen und zu Höchstleistungen bringen. Auch die Noten seien eine gute Motivation……

 

Nach allem, was ich aber nach meiner Lehrerinnentätigkeit in meiner Ausbildung zur Kinesiologin und in den zahlreichen Weiterbildungen zum Thema Gehirn, Lernen, Stressregulationen und in den unzähligen kinesiologischen Sitzungen mit Kindern gelernt habe ist, dass es eben oft gerade die Struktur Schule ist, welche die Kinder vom Lernen abhält. Es macht ihnen Stress, nimmt die Lust und die Freude. Klar ist es auch immer noch abhängig von der Lehrperson, von der Gesamtleitung der Schule (da gibt es ja bekanntlich grosse Unterschiede😉) und doch bleibt zum Beispiel der Punkt, dass ein Kind vom Kindergarten an beurteilt und bewertet wird, erhalten.

 

Und was ist jetzt mit der Entscheidung?

Nun aber zurück zu unserer Entscheidung. Im Mai 2017 besuchte Simon einen Bildungstag vom Verein Bildung zu Hause. Dieser Verein bietet zwei Mal jährlich einen solchen Tag an, wo Familien aus ihrem Alltag berichten. Da wurde Simon klar, dass es nicht die eine Version von Homeschooling gibt, sondern dass jede Familie ihre Version finden kann, sogar muss. Wie also sieht unsere Version von «Homeschooling» aus?

 

So entschieden wir uns, einen Versuch zu starten. Wir deklarierten es bewusst als Versuch, da wir keine Ahnung hatten, wo es uns hinführt. Würde es für uns Eltern stimmen? Würden die Kinder Freude daran haben und wirklich mit uns lernen? Ein Versuch lässt alle Möglichkeiten offen, das Einzige was wir bei einem Wiedereinstieg in die öffentliche Schule, welcher übrigens jederzeit sein könnte (die Schulen sind verpflichtet, die Kinder zurück zu nehmen), war, dass wir den stofflichen Anschluss garantieren müssen.

 

So stellten wir bei der Dienststelle für Volksschulbildung, Ressort Privatunterricht, einen Antrag. Da wir beide ein Lehrdiplom haben war das bei uns im Kanton Luzern eine relativ einfache Geschichte. So hatten wir bereits drei Wochen später eine schriftliche Bestätigung in der Hand, drei Wochen vor den Sommerferien. Wir informierten die Lehrpersonen, die Schulleitung und am 7. Juli 2017 hatten unsere Kinder den letzten Schul- respektive Kindergartentag. Und da startete unser Leben ohne Schule, oder wenn ich die Bedeutung des Begriffs Schule wieder nehme, starteten wir genau da mit der Schule. Nämlich in den Raum der Musse, den Raum, wo alles möglich ist und alles Platz hat, was interessiert.

 

Und jetzt?

Bei unserer Entscheidung im Mai gingen wir davon aus, dass wir eher eine Ausnahmeerscheinung sein werden mit dieser Art von Bildung. Nach dem Start im Sommer vernetzten wir uns mit anderen Homeschoolern und merkten schnell, dass es im Kanton Luzern bereits eine beachtliche Anzahl solcher Familien gibt.Tendenz weiter steigend. Es gibt auch Familien, welche selber keine Bewilligung bekommen, die den Privatunterricht über eine Lehrperson organisieren.

 

So sind wir nun seit 20 Monaten unterwegs. Immer wieder definieren wir uns neu, kommen an unsere Grenzen, hinterfragen alles, gehen neue Wege, freuen uns über unser Leben, den Alltag und die vielen Möglichkeiten, welche uns geboten werden. Wir sind dankbar, dass wir den Versuch gewagt haben.

 

Alles rosarot?

Nein. Nicht immer ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Für uns Eltern stellt es öfters mal wieder eine Herausforderung dar, den Alltag zu koordinieren, allem gerecht zu werden. Und vor allem auch, nicht kontrollieren zu wollen, sondern im Vertrauen zu sein, dass die Kinder sich das holen und das lernen, was gerade richtig ist für sie.

 

 

Links und Bücher, welche im Text vorkommen

www.prolernen.ch

«Das Wahren der Einzigartigkeit» von Bruno und Doris Gantenbein ist das Buch, das uns sehr inspiriert hat

 

www.bilungzuhause.ch

Verein Bildung zu Hause, veranstaltet Bildungstage für Interessierte und berät angehende Homeschooler, auch in rechtlichen Angelegenheiten

 

https://volksschulbildung.lu.ch/aufsicht_evaluation/ae_schulaufsicht/ae_sas_bewilligung_privatschulen

Dienststelle Volkschulbildung, Bedingungen zur Erhaltung einer Bewilligung im Kanton Luzern