Wie überleben wir schwierige Situationen?

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Heute möchte ich etwas über das Thema "Überlebensstrategie" schreiben. Ich beobachte oder spreche dieses Thema fast in jeder Sitzung an und es betrifft uns alle jeden Tag in unserem Alltag. Wären uns diese Überlebensstrategien bewusst, respektive wüssten wir überhaupt davon, bliebe uns viel Leid erspart.

 

Wie entsteht eine Überlebensstrategie?

 

Wie diese Überlebensstrategien entstehen möchte ich kurz erklären. Ich kann es am besten anhand des Beispiels einer Klientin erklären. Sie hat in ihrer frühen Kindheit bereits Erfahrungen gemacht mit dem Tod. Sie hat noch eine ältere Schwester gehabt, welche im achten Monat im Mutterbauch gestorben ist. Danach hat sie sich in diesen Bauch eingenistet und spürte noch immer den Tod und die Trauer der Mama. Kurz nach ihrer Geburt haben ihre Eltern je einen Elternteil verloren. Wieder war der Tod nahe Realität. Sie spürte die direkten Folgen davon aber hatte es nicht mehr bewusst in in ihrem Gedächtnis. Um in einer solchen Situation zu erleben und durchzukommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder fängt das Kind an, willkürlich zu weinen, bei jeder Gelegenheit, so dass die Eltern gar keine andere Wahl haben, als dem Kind Aufmerksamkeit zu schenken und sich so wieder dem Leben zuzuwenden. Übrigens haben sogenannte "Schreibabies" oft eine solche Geschichte im Hintergrund, welche sie so weinen lässt. Eine andere Möglichkeit ist, sich zurückzuziehen, still und angepasst zu werden, um die Eltern nicht noch mehr zu belasten und darauf hoffen, dass die Lebensenergie irgendwann die Todesenergie wieder überflügelt. Eine weitere Möglichkeit ist, das Sonnenkind zu werden, immer zu strahlen, zu lachen, alle aufzuheitern. All diese Möglichkeiten sind in dem Moment Überlebensstrategien, welche ein Weiterleben aushaltbar machen, die Angst vor dem Tod nicht spüren zu müssen, den Schmerz und die Trauer zu umgehen.

 

Die Entscheidung fällt unbewusst

 

Meine Klientin wählte die Möglickeit des Sonnenkindes. Unbewusst. Um bewusst zu entscheiden war sie noch zu klein und in Ausnahmezuständen geht es ums Überleben, da entscheidet man sich immer unbewusst. Sie war von da an der Sonnenschein der Familie, war immer gut drauf, hatte immer lustige Ideen und einen Witz auf Lager. Zudem hat sie immer etwas gemacht, war immer unterwegs, animierte alle für Aktivitäten. Diese Überlebensstrategie hat sie weit gebracht und erfolgreich gemacht. Für sie war es einfach normal immer unterwegs und in Aktivität zu sein.

Jetzt kommt sie zu mir in die Praxis mit "Burnout-Symptomen". Sie sagte: "Ich mag nicht mehr, will endlich mal zu Ruhe kommen, nicht immer machen müssen. Aber das geht nicht. Es wird mir gleich langweilig, werde unruhig, verspüre Angstgefühle und muss dann wieder etwas machen. Und sei es nur eine Runde joggen. Aber ich mag nicht mehr, es macht mir keinen Spass mehr, aber ich kann nicht damit aufhören."

 

Was treibt uns an?

 

Die Frage war dann, was sie denn immer wieder antreibt. Und das war eben ihre Überlebensstrategie. Wenn es um sie herum ruhig wurde, kam ein Teil in ihr in Panik. Die frühkindlichen Erfahrungen mit dem Tod wurden aktiv. Der Tod, das war ihre Erfahrung, zeigt sich in Ruhe, Zurückgezogen sein, Trauer, Einsamkeit. Und wenn sie jetzt in diese Ruhe kommt macht ihr Unterbewusstsein den Link zum Tod. Da aber ein Teil in ihr drin sagt, dass sie ja nicht in den Tod will, wird die Überlebensstrategie aktiv und treibt sie an. Bewegen, Laufen, Sachen unternehmen, einfach auf keinen Fall den "Tod" spüren. Und schon ist sie wieder in einer Aktivität drin.

 

Was gibt es für eine Lösung?

 

Für sie war es wichtig zu erkennen mit was ihr Unterbewusstsein die Ruhe verbindet. So konnte sie erkennen, warum ihr inneres Kind in dem Moment, wo es in die Ruhe und die Erholung kommt, so reagiert. Es ging darum zu sehen, dass sie in dem Moment ihre Kleine in sich beruhigt und ihr sagen kann, dass Ruhe und Erholung nicht den Tod bedeuten, sondern ein Teil des Lebens sind.

 

Kennen wir diese Antreiber nicht alle? Kennen wir nicht alle, dass wir Sachen machen, welche wir gar nicht möchten, uns nicht guttun und doch machen wir es? In solchen Momenten müssen wir wissen, warum wir das tun. Wir müssen uns selber und unsere Reaktionen verstehen können. Nur wenn wir uns selber verstehen ist es auch möglich, in Zukunft in den gleichen Situationen ganz bewusst anders zu reagieren.

 

Wie geht es dir wenn du diese Zeilen liest? Erkennst du, wo du in Überlebensstrategien kommst? Wo du deine Reaktionen nicht mehr steuern kannst sondern es einfach mit dir macht? Welche wendest du immer noch an, obwohl sie schon lange nicht mehr aktuell sind? Kennst du auch das Gefühl der Überforderung wenn zum Beispiel deine Kinder mal wieder richtig aufdrehen und dich nerven? Kannst du dann ruhig und gelassen bleiben oder gerätst du in eine Überlebensstrategie? Laut werden? Brüllen? Dich als Opfer fühlen? Dich zurück ziehen?

 

Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen Überlebensstrategien auf den Grund gehst, sie erkennst, sie dadurch loslassen kannst und so immer freier wirst. Oft ist es nicht möglich, sie selber zu erkennen. Wenn das Trauma zu tief sitzt, kommt man nicht selber dahinter. Hab den Mut in dem Moment Hilfe anzunehmen. Suche dir jemanden der dir hilft zu erkennen, was da abgeht in deinem Unterbewusstsein.

 

Wenn du mehr zu diesem Thema lesen möchtest, dann empfehle ich dir die Bücher von Franz Ruppert. Er hat einige Bücher geschrieben und darin die ganze Traumathematik sehr schön beschrieben. Mir persönlich haben seine Bücher einen vertieften Einblick in die menschliche Psyche ermöglicht und ich bin dankbar, dass ich diesen vor ein paar Jahren begegnet bin.